Predigt zum Sonntag Oculi

Michael Schwarzkopf // 2015-02-16 // Zurück zu den aktuellen Berichten

Lukas 9, 57-62: Predigt in der Petrikirche am 8. März 2015

Propst Michael Schwarzkopf

Liebe Schwestern und Brüder,

wie schön ist es, wenn Menschen zu uns kommen, etwa durch die Taufe oder die Konfirmation. Wir freuen uns, wenn die Gemeinde wächst, wissen wir doch, dass Menschen hier Gottes Nähe in einer verständlichen, ganz auf dem Fundament von Jesus Christus aufbauenden Weise erfahren. Wir alle folgen Jesus nach; ja, ein bedeutender evangelischer Theologe hat sogar das ganze Leben des Christen unter dieses Wort gestellt: Nachfolge.

Da wundert uns, wie hart Jesus selbst mit Menschen umgegangen ist, die ihm nachfolgen wollten, als er noch als Mensch auf der Erde wandelte: Den ersten warnt er – wer mit mir geht, hat keine Heimat mehr. Den zweiten fordert er auf, sich nicht um das Begräbnis des Vaters zu kümmern. Den dritten will er ohne Abschied von seinen Lieben mitnehmen. Jesu Schroffheit erstaunt uns beim Lesen der Bibel immer wieder. Wie kann das sein?

Jesus selbst begründet es in seiner ersten Antwort: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Füchse und Vögel haben mehr ein Zuhause als der Menschensohn. Er bezeichnet sich selbst als den Menschensohn, die apokalyptische Gestalt aus dem Danielbuch. Sie steht für Gottes Eingreifen in die Geschichte. Wenn Jesus der Menschensohn ist, der in der Endzeit der Geschichte kommt, dann muss alles Unwichtige vergehen. Und dazu gehört offenbar das Zuhause – Jesus kann in dieser Welt nicht zu Hause sein.

Und die ihm nachfolgen, sind es auch nicht. Es gibt einen schönen Brief von Christen aus dem zweiten Jahrhundert, in dem dies bedacht wird. Wir Christen sind Bürger eines anderen Landes, wir sind Bürger von Gottes Reich, heißt es darin. Wenn wir Jesus nachfolgen, wird die Frage nach Nation, Vaterland, Heimat zweitrangig – wir haben Bürgerrecht im Himmel. Jesus selbst hat das mit seiner Existenz als Wanderprediger vorgelebt. Er warnt alle, die ihm nachfolgen: christliche Existenz ist so.

Daraus ergeben sich die zwei harten Schlussfolgerungen des heutigen Evangeliums: Der Abschied von den Toten und der Abschied von den Lebenden. Der erste Abschied ist für Jesus eine Konzentration auf den Tod, der vom eigentlichen Leben ablenkt. Und das eigentliche, wichtige Leben des Christen ist in der Verkündigung des Evangeliums. Dazu sind wir Christen berufen – wir sind Bürger von Gottes Reich, und wir können gar nicht anders, als allen Menschen davon erzählen, wie gut das Leben im Reich unseres Vaters, in unserem Vaterland ist.

Deshalb sagt Jesus: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Wir haben einen ausgeprägten Sinn für die Beschäftigung mit dem Tod, für christliche Trauerfeier und Gedenkkultur. Was Jesus darüber denkt, ist klar: Als Christen, die ihm nachfolgen, haben wir die Aufgabe, das Reich Gottes zu verkündigen – dies war der Beginn seiner Predigt, und dies sollte auch der Beginn jeder christlichen Lebensäußerung sein. Wo wir dies an die erste Stelle setzen, haben wir die Möglichkeit, ganz neu mit dem Tod, mit Trauer und Ritual umzugehen. Sie bekommen etwas Vorläufiges, werden von ihrer Endgültigkeit befreit. Ende und Anfang ist Jesus Christus, ist die Verkündigung von Gottes Reich. Lasst uns versuchen, von ihm her immer wieder einen neuen Anfang zu wagen, auch in der Situation von Verlust und Trauer.

Dann ist auch der Weg mit Jesus leicht, der von unseren Verwandten wegführt. Nicht selten höre ich von solchen Wegen, wenn Verwandte unser Glaubensleben, unsere Entscheidung für die lutherische Kirche nicht mittragen. Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes, sagt Jesus. Wir sind zur Arbeit an Gottes Reich geschickt, an der Verkündigung von Gottes Nähe in seinem Wort und zu Taten der Nächstenliebe. Dies ist in der Nachfolge Christi unsere Aufgabe. Wir pflügen und bereiten den Boden für die gute Saat von Gottes Wort und Gottes Liebe unter den Menschen. Das schließt unsere Verwandten nicht aus, sondern lädt sie ein, sich ebenso wie wir dieser Saat zu öffnen.

Jesu schroffe Antworten können wir als Einladungen verstehen, mit ihm die Nähe von Gott, die Nähe von Gottes Reich zu feiern. Jeder Gottesdienst zeigt uns diese Nähe, und jede Tat der Nächstenliebe. Lasst uns den Weg mit Jesus gehen, so wie wir es jetzt im Choral singen. Er selbst geht uns voran, wir folgen seiner Einladung und geben sie weiter, damit alle Menschen ihr Vaterland, ihr Zuhause, ihre Familie neu finden – im Reich Gottes. Amen.