Osterpredigt

Michael Schwarzkopf // 2015-04-12 // Zurück zu den aktuellen Berichten

Markusevangelium 16,1-8

Predigt am Ostersonntag in der Petrikirche, St. Petersburg, den 5.4.2015

Propst Michael Schwarzkopf

Liebe Schwestern und Brüder!

Wie schön ist es, am Ostermorgen zur Kirche zu gehen, eure freundlichen Gesichter zu sehen, den Ostergruß und seine Antwort zu sagen. Es ist ein Morgen, an dem wir vergessen können, was uns beschwert, an dem Freude und Sorglosigkeit die wichtigsten Gefühle sind. Es ist wie bei den drei Frauen, die zum Grab kamen und sich fragten: Wer bewegt den schweren Stein, der die Tür verschließt? Und sie kommen hin, und der Stein ist weg. Er war sehr schwer, sagt das Evangelium.

Wir kennen solche schweren Steine, Sorgensteine. Wenn ich an Gemeindeglieder denke, die heute wegen Krankheit nicht hier sein können – dann macht das Sorgen. Wenn ich an unsere Kirche denke, und mich frage, wie sie erhalten werden kann, dann kommen schwere Fragen auf. Wenn ich die Menschen sehe, die in einer sozial schweren Lage sind, dann ist das bedrückend. Da wünsche ich mir den Engel, der den Stein wegnimmt, so dass ich frei von Sorgen Ostern feiern kann.

Scheinbar haben die drei Frauen dieses Glück. Aber hier sollten wir vorsichtig mit allzu schneller Freude sein: Die drei Frauen wollen zu einem Toten. Sie freuen sich nicht, als sie sehen, dass der Stein weg ist. Jedenfalls berichtet der Evangelist Markus nichts davon. Der Stein ist weg, das heißt, Maria Magdalena, die andere Maria und Salome können nun ihren Dienst am toten Jesus verrichten, so denken sie. Der Stein ist weg, und so können sie am Ostermorgen tun, was ihre Religion ihnen vorschreibt.

Wir sind ihnen ähnlich, wenn wir am Ostermorgen in die Kirche gehen. Wir tun, was die Religion, unsere lutherischen Traditionen uns zu tun nahelegen. Wir tun das gern, es gehört zu unserem Leben und gibt uns Freude und Kraft. Der große steinerne Bau unserer Kirche ist dazu nötig. Dies alles ist christlich – dies alles ist menschlich. So menschlich wie das Bedürfnis der drei Frauen am Ostermorgen, den Stein wegzunehmen, um ihrem verehrten Lehrer den letzten Dienst zu erweisen.

Was dann aber geschieht, als sie in das Grab hineingehen, ist völlig anders erwartet. Ein junger Mann in hellen Kleidern sagt die Worte, mit denen das Christentum beginnt: Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Ihr sucht Jesus hinter dem Stein, in euren menschlichen, religiösen Gedanken, in euren Vorstellungen. Aber da ist er nicht, er ist auferstanden. In Stein gemeißelt stehen diese Worte am Heiligen Grab in Jerusalem: Er ist nicht hier.

Die drei Frauen reagieren entsetzt: Sie flüchten aus dem Grab und sagen niemandem etwas, denn sie fürchteten sich. Es ist der Schrecken eines Menschen, der Gott selbst begegnet ist, und erkennt, dass diese Begegnung alle Vorstellungen übersteigt, auch alle traditionellen, religiösen Gedanken viel zu eng sind, um Ihn zu fassen. Der Engel hat ihnen ja aufgetragen, den Jüngern zu sagen, was geschah. Aber das tun die drei Frauen nicht, denn sie finden keine Worte.

Und wir? Wir sprechen die Worte des Engels nach, weil wir keine anderen haben: Er ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden. Wir wissen nicht mehr als die drei Frauen, wir verstehen nicht mehr als sie in ihrem Schreck. Aber wenn wir in unserer Überraschung, unserem Nicht-Verstehen mit Maria Magdalena, der andren Maria und Salome vor dem leeren Grab stehen und ihren Schreck teilen, dann kommen wir dem Unbegreiflichen der Auferstehung nah.

Das können wir nicht machen, das passt in keinen kirchlichen Festkalender. Ostern ist da, wo wir offen sind für Gottes Wunder, für das heilsame Erschrecken vor seiner Nähe. Es ist wohl kein Zufall, dass es drei Frauen sind, die dies zuerst erfuhren – vielleicht will der Evangelist Markus damit sagen, dass Frauen leichter zu erschrecken sind? Bestimmt will er aber auch sagen, dass Frauen oft einen besonderen Sinn für Neues, Unerwartetes haben. Deshalb werden sie die ersten Zeuginnen der Auferstehung. Lasst uns also wie sie offen sein für Gottes Wunder, lasst uns nicht in Sorgen versinken, sondern den Schreck über Gottes unerwartetes Handeln in unserem Leben als Chance, als Neubeginn unseres christlichen Lebens in Taufe und Abendmahl sehen.

Was geschieht, als die drei Frauen in das Grab hineingehen, ist völlig anders erwartet, es ist nicht menschlich, sondern göttlich. Überraschung, Erschrecken, und ein Leben in einer von Gottes Nahesein in ein unbegreiflich anderes Licht gestellten Welt – das schenke Er uns an diesem Ostermorgen oder an einem anderen Morgen unseres Lebens – wann immer es Ihm gefällt. Amen.

Ostern