Predigt vor der Passionszeit

Michael Schwarzkopf // 2017-02-27 // Zurück zu den aktuellen Berichten

Mk 2,23-3,6

Gottesdienst in der Petrikirche am Sonntag Invocavit, 26.2.2017

Predigt von Propst Michael Schwarzkopf



Liebe Schwestern und Brüder!

Der Winter vergeht, der Schnee wird nicht mehr lange das Land bedecken. Er schmilzt und gibt den Blick frei auf das, was verborgen war: Das Land, auf dem wieder Blumen blühen sollen. Das Land, auf das unsere Tränen fielen. Das Land unserer Erinnerungen und unserer Hoffnungen. Es ist Zeit, genau hinzusehen: Was geschah, wie können wir darüber denken, wie können wir mit den Erinnerungen leben? Die Vergangenheit der Russlanddeutschen, die wir in Büchern und Gesprächen festhalten, die Petrikirche, die unsere Fürsorge braucht. Die Gräber von Workuta, an denen wir standen und beteten.

Wir brauchen diesen Moment des Innehaltens, des Nachdenkens, damit der Schnee nicht alles bedeckt, was menschliche Wärme, was die Hoffnung des Glaubens, was die Nähe Gottes ausmacht. Der Sonntagsgottesdienst ist dafür die richtige Zeit. Schon in alter Zeit haben Menschen einen Tag in der Woche als Ruhetag freigehalten von der Wesensvergessenheit des Alltags.

Im jüdischen Volk war das der Sabbat. Er war heilig durch Gottes Segen. Und es gab bestimmte Regeln, die die Menschen vor der Hast des Alltags schützen sollten. Arbeit war nicht erlaubt. Als die Jünger von Jesus dennoch durchs Feld gehen, um Ähren abzureißen und ihren Hunger zu stellen, arbeiten sie, und das kritisieren die gläubigen Menschen ringsum. Jesus erklärt, daß es Momente gibt, in denen Menschen für ihr Leben sorgen müssen, auch wenn ihnen dies keine Zeit für ihr geistliches Leben gibt. Der Sabbat, die Ruhe in Gottes Nähe soll dem Menschen dienen, nicht ihn einengen. Wir erleben gerade so einen Moment in der Petrikirche: Wir sorgen uns um ihre Erhaltung, wir bauen eine Orgel, auch wenn wir unser geistliches Leben in der Zeit des Baus einschränken müssen.

Aber Jesus bleibt nicht bei dieser allgemeinen Aussage über den Menschen und sein geistliches Leben. Er erklärt sich selbst zum Herren des Sabbats. Der Gottessohn steht über den menschlichen Regeln - unser geistliches Leben kommt von Gott und nicht von unseren menschlichen, religiösen Gedanken und Ordnungen. Sicher sind wir damit einverstanden - aber leicht ist das nicht. Unsere menschlichen, religiösen Ordnungen sind leichter zu verstehen als die Nähe Gottes. Was brauchen wir, um sie zu erleben? Arbeit? Ruhe? Orgelmusik? Gesang? Stille? Petrikirche? Oder die Grabkreuze in der Schneewüste von Workuta?

Jesus antwortet in der Synagoge: Gutes tun - das ist die Forderung Gottes, auch am Sabbat. Jesus heilt den Menschen mit der verdorrten Hand. Nun kann er sie wieder für Gottes Güte öffnen. Welche Heilung brauchen wir, um uns Gott zu öffnen?

Jesus steht für diese Heilung ein: Seine Gegner wollen ihn daran hindern, die Menschen über alle Ordnung hinweg für Gottes Nähe zu öffnen. Sie suchen nach Möglichkeiten, ihn umzubringen. Im Namen der Religion, der Ordnung. Jesus bleibt bis zum Kreuz der Herr über den Sabbat, der uns Gott näher bringt als es alle menschlichen Gedanken und Ordnung können. Vor uns liegt die Fastenzeit, in der wir das Leiden von Jesus bedenken, in der wir uns klar werden, welche unserer Vorstellungen, Ordnungen uns von Gott fernhalten. In dieser Zeit finden wir Ruhe in Gottes Nähe und erleben seine Heilung: unsere Herzen und Hände öffnen sich dem göttlichen Geschenk des Lebens - das wünsche ich uns allen. Amen.

Workuta17mi