Mission

Michael Schwarzkopf // 2018-09-11 // Zurück zu den aktuellen Berichten

Predigt von Pfarrer Martin Herzfeld
Petrikirche, St. Petersburg, 22. Juli 2018

Liebe Schwestern und Brüder,

Wo wohnt Kornelius? Vielleicht nur wenige Schritte entfernt. Kornelius ist ein Nachbar im selben Haus wie ich. Kornelius steht gerade vor mir an der Kasse im Supermarkt. Kornelius verkauft Kirschen oder Melonen an der Straßenecke. Kornelius sitzt in einem Büro, und ich könnte ihm zufällig begegnen, wenn ich seine Dienste brauche. Kornelius könnte überall mein Zeitgenosse sein. Er ist ein nachdenklicher Mensch. Dabei muss er nicht traurig sein. Er kann auch ein sehr humorvoller Mensch sein. Er ist ein nachdenklicher Mensch, weil er über das Leben nachdenkt. Er will nicht nur für sich und seine Familie leben, nicht nur seine Arbeit machen, um ein wenig Geld zu verdienen. Er will dazugehören zur großen Geschichte Gottes mit den Menschen. Er ahnt vieles. Er will mehr wissen. Und so viel hat er schon verstanden: Wer sich Gott nähern will, der muss aufmerksamer sein für seine Mitmenschen. Ist er reich, muss er etwas abgeben, muss bereit sein, Ärmere zu unterstützen. Ist er arm, kann er dennoch überlegen, wie er praktisch, mit seinen Händen, helfen kann. Auch hat er verstanden: Das jüdische Volk hat bereits eine besondere Geschichte mit Gott. Sie beten regelmäßig, mehrmals am Tag. Das tut er nun auch. Sie sind dankbare Menschen, denn sie danken für jede Speise, für jedes gute Gespräch, für jeden Tag. Das tut er nun auch. Sie verschaffen sich mit dem Glauben an Gott nicht nur Freunde, sie haben auch viele Gegner. Das riskiert er nun auch. Er möchte ganz dazugehören, mit dem Schönen und Faszinierenden, das von den Juden ausgeht, und mit dem Gefährlichen, Riskanten.  

In unserer Zeit hat Kornelius kaum Chancen, die Juden als Nachbarn oder Freunde zu erleben. Aber er erlebt die Christen, wie sie immer wieder die Kirchen aufsuchen und dort etwas finden, was er auch sucht. Er erlebt Christen, die humorvoll und liebevoll sind im Umgang  mit ihren Menschen. Er erlebt Christen, die keine Angst vor der Zukunft haben, sondern mit großem Vertrauen leben. Sie haben nicht einmal Angst vor dem Tod. Das beeindruckt ihn. Er ahmt das nach. Er hat sich vielleicht bereits eine Bibel gekauft und liest regelmäßig darin. Aber er hat noch niemanden gefunden, der ihm hilft, die Bibel zu verstehen. Er ist ein Mensch voller Sehnsucht und Neugierde, aber auch mit Respekt. In respektvollem Abstand zu den Christen wartet er auf ein Ereignis, dass ihn näher heranbringt. Sehr gern will er ganz dazugehören. Ein Teil will er werden von der Geschichte Gottes mit den Menschen.

In der Apostelgeschichte ist es ein Engel, der plötzlich vor ihm steht. Gott wartet nicht länger, er schickt seinen Boten. Und eine Botschaft erhält er sofort: „Gott kennt dich. Du bist bei ihm gut angesehen.“ Bevor seine Geschichte als Christ beginnt, noch bevor er das erste Mal den Namen „Jesus“ hört, wird ihm gesagt: „Du bist bei Gott gut bekannt.“ Die Fremdheit zwischen ihm und den Christen, sein Unwissen über die Bibel, das sind für Gott keine Hindernisse. Unsere fremden Gefühle gegenüber Kornelius: Das ist doch ein Mensch, der aus einer ganz atheistischen Familie kommt, der noch nie einen Gottesdienst besucht hat, weil er gar nicht weiß, wie man sich da benimmt; vielleicht standen seine Eltern oder seine Großeltern auf der anderen Seite, waren Feinde der Christen? Unsere fremden Gefühle gegenüber Kornelius sind für Gott völlig unbedeutend. Er sieht von vornherein den Menschen Kornelius an.
Es könnte irgendein zufälliges Ereignis sein, das plötzlich einen von uns mit Kornelius ins Gespräch bringt. Plötzlich ist einer von uns der Bote, der ihm zu sagen hat: „Du bist bei Gott gut bekannt.“

Der Bote in der Apostelgeschichte weiß noch mehr, er stellt sofort die Verbindung zu Petrus her. Es gibt etwas zu tun für Kornelius! Darüber ist er sehr froh. Und weil er nicht nur Offizier ist, sondern auch einem großen Haushalt vorsteht, kann er auf der Stelle seine Bediensteten losschicken. Sie sollen Petrus holen.
Petrus ist Jude und zugleich Christ. Er weiß, dass Jesus seine Jüngerinnen und Jünger zu allen Völkern schickt, in die ganze Welt. Aber er hat auch von der Muttermilch an gelernt: „Das darfst du essen – das nicht. Das darfst du am Sabbat tun – das nicht. So musst du beten, mit diesen bestimmten Worten, am Morgen, am Mittag und am Abend. Den darfst du zum Freund haben und einladen – den nicht.“ Für Petrus ist es sehr schwer, dass er nun neu lernen soll: „Sieh nur auf den Menschen. Sieh nicht darauf, ob jemand Jude ist wie du oder nicht. Du kannst jeden Menschen zum Freund haben. Du kannst auch mit jedem Menschen zusammen essen. Gott sieht nicht, was vor Augen ist. Gott sieht das Herz an, schon immer. Ab jetzt darfst du Gott folgen. Es gibt keine verbotenen Kontakte mehr.“

Seien wir barmherzig mit Petrus! Er weiß nicht: „Die Menschen, die jetzt zu Gott drängen, sind das alles Freunde, oder sind auch Feinde darunter? Kann sich nicht das Blatt sehr leicht wenden, und dann werden sie die Gemeinde Gottes verfolgen? Die Regeln, die ich gelernt habe, sind ein guter Schutz. Soll ich diesen Schutz jetzt aufgeben?“ Petrus geht es ähnlich wie einem treuen Gemeindeglied, dem ein wenig bange ist: „Wenn jetzt viele Menschen in meine Kirche kommen, die ich noch nie gesehen habe, was bedeutet das? Darf dann noch alles so bleiben, wie es ist, oder wird sich alles ändern? – Es ist ja schön, wenn Menschen dazukommen. Aber es soll doch trotzdem alles so bleiben, wie ich es kenne.“ Viele Menschen scheuen sich vor Veränderungen. Treue Gemeindeglieder mitunter auch.

Gott ist barmherzig mit Petrus. Hat er dem Kornelius einen Engel geschickt, so schickt er dem Petrus eine ganz besondere Vision. Zunächst muss Petrus Hunger haben während seines Mittagsgebetes. Das geht nun gar nicht, denn Hunger stört das Gebet. Aber so ist Petrus sehr wach, wenn er jetzt Essen gezeigt bekommt: Da wimmelt und kriecht und flattert und schnattert es. Lauter Tiere, die durchaus in anderen Kulturen, in anderen Weltgegenden gegessen werden. Aber doch nicht hier! Und schon gar nicht, wenn diese Tiere als unrein gelten in dem vertrauten jüdischen Gesetz! Dreimal werden ihm diese Tiere gezeigt, und dreimal sagt ihm Gottes Stimme: „Was Gott für rein erklärt hat, das nenne du nicht unrein!“ Sehr verunsichert wird Petrus, aber auf eine liebevolle Weise. Im Gesicht, als Beispiel und Gleichnis, wird dem Petrus gezeigt: Gott unterscheidet nicht zwischen rein und unrein. Er liebt Menschen aus allen Kulturen auf die gleiche Weise. Er sieht jeden Menschen gleich liebevoll an, ob der Mensch jüdische Eltern hat oder christliche oder muslimische. Er sieht jeden Menschen gleich liebevoll an, ob dieser Mensch chinesische Speisegewohnheiten hat oder europäische oder afrikanische, ob er sich vegetarisch ernährt oder koscher oder ob er gern Fleisch isst. Gott unterscheidet nicht nach den Kulturen, auch nicht nach den Esskulturen. Das gibt Petrus viel Stoff zum Nachdenken – und währenddessen sind die Boten des Kornelius schon da.

Gott selbst bereitet uns darauf vor, dass wir uns sehr wach umsehen nach dem Kornelius. Irgendwo in unserer Nähe lebt er. Wir haben ihn wahrscheinlich schon gesehen. Eines Tages werden wir uns gegenseitig erkennen. Und dann will Kornelius viel wissen. Darüber, wer Jesus ist. Darüber, wie sich die biblischen Geschichten öffnen und etwas vom heutigen Leben erzählen. Darüber, wie der Glaube glücklich macht, und wie Gott jeden Menschen seine Lebensaufgabe finden lässt. Viel wird es zu erzählen geben, wenn wir uns endlich gegenseitig erkennen.
So geht es ja in der Apostelgeschichte auch weiter:
Petrus wandert selbstverständlich mit, als die Boten des Kornelius heimkehren. Und dann erzählt er im Haus des Kornelius von Jesus. Und alle, alle, Juden und Römer, Kinder und Erwachsene, Hausangestellte und Hausherren, alle werden mit dem Geist Gottes beschenkt. Sie werden fröhlich und sie preisen Gott. Wer sollte sich darüber nicht mitfreuen?

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Kapelle17kl