Predigt zum 21. Juni

Michael Schwarzkopf // 2015-06-29 // Zurück zu den aktuellen Berichten

Propst Michael Schwarzkopf

Liebe Schwestern und Brüder,

gestern haben wir mit vielen Menschen aus Russland und Deutschland, mit Bikern und Bläsern, an die Toten des 2. Weltkriegs gedacht. Morgen ist der Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion. In tiefes Nachdenken versunken standen wir gestern an den vielen, vielen Gräbern. Das menschliche Leid, das dieser Krieg mit sich brachte, ist unbeschreiblich, unermesslich.

Es ist gut zu wissen, dass wir im Gedenken vereint sind: Russen und Deutsche, Orthodoxe und Lutheraner, Menschen unterschiedlicher Herkunft und politischer Ansichten auch innerhalb unserer Länder. Denn wir brauchen in all unserem Denken so einen Punkt des Nachdenkens, der Stille und des Gebets. Gerade weil wir viel wissen über Kriege und ihr Ursachen, über Probleme unserer heutigen Welt und die deutsch-russischen Beziehungen. Wir brauchen immer wieder einen Moment im Leben, an dem wir fragen, was geschah, wie es weiter gehen kann, und was Gott dazu sagt.

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn hat Jesus uns so einen Punkt des Nachdenkens genannt: Als der verlorene Sohn nicht mehr weiß, wie er sein Leben weiterführen kann. Als seine bisherige Vorstellung, das Erbe des Vaters einfach in Geld umzusetzen, sich als schlechte Lebensgrundlage erweist. Da sagt er: Ich will zu meinem Vater gehen.

Wenn wir beten, so wie gestern an den Gräbern, dann sagen wir uns dasselbe: Ich will zu meinem Vater gehen. Nur er kann uns helfen, an unserem Nachdenken über den Lauf der Welt, über Krieg und Leid nicht zu verzweifeln. Unser Vater im Himmel, so beten wir, so kommen wir zu ihm zurück. Wir sind Menschen, die nicht so weiterleben können und wollen wie unsere Vorfahren. Aber für unseren Weg, den Weg der Versöhnung und des Friedens, brauchen wir immer wieder Gottes Kraft, Gottes Geist. Darum beten wir.

Und wir werden erhört: das gemeinsame Gebet gestern ist ja ein Teil der Versöhnung. Oder dass Sie als Posaunenchor heute hier sind, mit unserem Pfarrer Matthias, ist ein Zeichen, dass es in Deutschland viele Menschen gibt, die sich für Kontakt, Gespräch, Verständigung zwischen Russland und Deutschland einsetzen. Es ist so schön, dass Sie heute hier sind, und wir miteinander die friedensstiftende Kraft Gottes feiern können. Ich will zu meinem Vater gehen. Amen.

 

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