Predigt: Arbeiter im Weinberg

Michael Schwarzkopf // 2016-02-01 // Zurück zu den aktuellen Berichten

 

Matthäusevangelium 20,1-16

Sonntag Septuagesimae

Gottesdienst in der Petrikirche am 24.1.2016

 

Propst Michael Schwarzkopf

Liebe Schwestern und Brüder,

wie immer ist es mir eine Freude, zu sehen, wie die Kirche sich füllt, vor dem Gottesdienst. Auch dann, wenn der Gottesdienst schon begonnen hat, kommen immer noch Menschen hinzu. Verspätungen sind unvermeidlich in der großen Stadt, früh am Morgen. Wir haben es unterschiedlich weit zur Kirche, wir bewegen uns unterschiedlich schnell, wir haben auch noch anderes zu tun. Mit dem Beginn des Gottesdienstes ist es wie mit dem Beginn des Glaubens: Ganz unterschiedlich sind wir zum christlichen Glauben gekommen. Wir hatten es unterschiedlich weit – ich z.B. hatte es ganz leicht, als Kind schon im Glauben erzogen und aufgewachsen, lebte ich in der DDR, wo Christen zwar diskriminiert waren, aber die Kirchen alle geöffnet, und die kirchliche Arbeit mit Kindern erlaubt war. Andere in unserer Gemeinde haben erst als Erwachsene von Jesus Christus gehört – ihr Weg zum Glauben war weiter. Und wir bewegen uns auch auf dem Weg zu Jesus unterschiedlich schnell – einige von uns mussten lange nachdenken, bis sie erkannten, dass Glaube und Wissen, Gottvertrauen und Welterkenntnis zusammengehören. Andere haben es sofort gefühlt: Gott ist da, und sie konnte einfacher glauben. Und wir haben unterschiedlich viel Zeit, uns mit Glauben und Bibel zu beschäftigen. Ich staune im Bibelseminar immer wieder, wie intensiv Menschen in unserer Gemeinde die Bibel lesen. Das ist wunderbar – wenn ich bedenke, wieviele auch im Rentenalter noch arbeiten müssen und wenig Zeit haben.

Für alle, die zu unserer Gemeinde gehören, ist aber klar: So unterschiedlich der Weg zum Glauben, so gleich für alle ist Gottes Liebe. Er erwartet uns, er unser Vater, der uns geschaffen hat, ist im Glauben immer bei uns – ganz egal, wie weit der Weg ist, und wann wir ihn gehen. Das sagt Jesus mit der Geschichte von den Arbeitern im Weinberg. Es ist eine Geschichte vom Weg des Glaubens. Sie will uns nicht über unsere Arbeit erzählen, sei sie nun physische oder geistige Arbeit. Jesus beginnt: Wenn Gott sein Reich vollendet, wird es sein wie bei dem Weinbergbesitzer, der früh am Morgen auf den Marktplatz ging, um Leute zu finden und für die Arbeit in seinem Weinberg anzustellen. Das Reich Gottes ist wie ein Weinbergbesitzer. Dieser Mann tut Dinge, die nicht zu unserer Welt, zu unserer Vorstellung von Arbeit und Lohn passen. Das Reich Gottes passt nicht zu unserer Welt. Es ist ganz anders – so hören wir aus dieser Geschichte.

Was ist anders? Das erfahren zunächst nur die Arbeiter, die eigentlich nicht arbeiten: Sie werden eine Stunde vor Feierabend eingestellt und müssen sich schon wundern – das Reich Gottes fragt offensichtlich nicht nach unserer Leistung. Wir Lutheraner würden uns darüber natürlich nicht wundern  – wir wissen ja (theoretisch!), dass allein die Gnade Gottes uns den Weg ins Reich Gottes öffnet.

Aber dann merken es alle, dass Gottes Reich anders ist: Der Hausherr erreicht das durch eine einfache Anordnung – die letzten, die eingestellt wurden, bekommen ihren Lohn zuerst, und sie bekommen ihn so, dass die anderen es sehen. Im Reich Gottes sehen die Menschen einander, sie haben keine Geheimnisse voreinander. Es ist wie in der Welt der armen Tagelöhner – jeder weiß, was ich heute verdiene, muss zum Leben reichen. Und jeder sieht: Gott gibt allen genug zum Leben. Menschen sehen einander, sehen, was sie brauchen, und was sie bekommen – vom Leben, vom Schicksal, von Gott. Mehr als einmal habe ich es schon gepredigt von dieser Kanzel, liebe Schwestern und Brüder: Wo Menschen einander sehen, wo wir einander wahrnehmen, beginnt Gottes Reich in unserer Welt. Als seine Gemeinde sollen wir damit den Anfang machen.

Und noch eins ist in Gottes Reich anders: Es gleicht einem Hausherrn, der allen gibt, was sie brauchen, der dafür sorgt, dass wir einander sehen, und der am Ende einen Streit um den Lohn aushält: Nimm, was dein ist, und gehe hin! Wenn wir uns beschweren, wenn wir klagen über unser Leben, dann finden wir in Gottes Reich einen Hausherrn, der uns hört. Und er weist uns auf zweierlei hin: Gottes Liebe reicht für alle – freu dich darüber, dass auch dein Nachbar genug hat, und gib dem Neid keinen Raum. Und das zweite: Denk an das, was Gott dir gab, dann kannst du dich fröhlich auf den Weg machen. Nimm, was dein ist, und gehe hin: in das Reich Gottes. Amen.

 

 

 

 

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